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Das Pantherchamäleon (Furcifer pardalis) 
auf La Réunion

Anita & Markus Grimm

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                     © Terra Inspira


La Réunion - weit entferntes Frankreich
La Réunion ist ein französisches Überseedepartement und beheimatet eine kleine, dafür sehr spezielle Tier- und Pflanzenwelt. Nebst den endemischen Tieren und Pflanzen ist hier auch ein Teil der Fauna und Flora Madagaskars vertreten.
Die Insel befindet sich im Indischen Ozean und bildet einen Teil der Maskarenen. Sie liegt 750 km östlich von Madagaskar und 220 km südlich von Mauritius. Von Paris aus ist die furchige Insel in einem elfstündigen Inlandflug erreichbar. Der vulkanische Ursprung des Eilands ist sofort sichtbar. Ein aktiver Vulkan (Piton de la Fournaise), der in relativ regelmässigen Abständen ausbricht, vergrössert die Insel ostwärts und es entsteht weiteres fruchtbares Land. In den drei bereits vor langer Zeit erloschenen Vulkankegeln - den Cirques von Cilaos, Salazie und Mafate in der westlichen Hälfte der Insel - herrscht eine üppige Vegetation. Die höchsten Berggipfel überragen den Meeresspiegel um über 3'000 Meter.
Wir hatten die Gelegenheit, La Réunion dreimal zu besuchen. Einmal im Herbst und zweimal über die Weihnachts- und Neujahrstage. Die beiden Jahreszeiten waren ideal, um Jungtiere wie auch die Paarungszeit der Pantherchamäleons zu beobachten.

Das Pantherchamäleon (Furcifer pardalis)
Das Pantherchamäleon stammt ursprünglich aus Madagaskar. Cuvier beschrieb diese Chamäleonart 1829. Bereits 1830 wurden die ersten Tiere auf die Insel La Réunion eingeschleppt. Der Färbung wegen ist anzunehmen, dass die eingeschleppten Tiere von der Insel Nosy-Bé stammen.
Die einheimische Bevölkerung nennt das Chamäleon "L'Endormi", was soviel bedeutet wie "Das Eingeschlafene". Bei längerem Beobachten erkennt man leicht den Grund für den aussergewöhnlichen Namen: Die Tiere bewegen sich wirklich sehr gemächlich.
Das Verbreitungsgebiet beschränkte sich bis vor einigen Jahren auf das Sumpfgebiet bei St-Paul. Nach neuester Literatur sollen sich die Tiere auf der ganzen Insel verbreitet haben, wobei sie sich vorwiegend in den küstennahen Gebieten aufhalten sollen. Wir haben am 22. Dezember 1997 bei Manapany les Bains im Südosten der Insel auf einer Schraubenpalme ein weibliches Tier gefunden und können diese Erkenntnis soweit bestätigen. Es scheint, dass sich diese Art ähnlich wie auch auf Madagaskar zu einem Kulturfolger entwickelt.
Die Chamäleonpopulation im Sumpfgebiet muss sehr dicht sein. Wir , dass wir nur einen sehr kleinen Teil der dort lebenden Tiere sahen. Und trotzdem fanden wir täglich zwischen 4 und 8 Chamäleons, wobei wir uns nur in den frühen Morgenstunden und in der Abenddämmerung auf die Suche begaben.
  
Verschiedene Vegetationstypen
Wir können im Sumpfgebiet um St-Paul drei verschiedene Vegetationstypen unterscheiden. Die drei Typen gehen fliessend ineinander über, und praktisch überall fühlen sich die Pantherchamäleons heimisch.
Vegetationstyp 1
Entlang des Sumpfes am Fuss der Bergkette fliesst ein Bach direkt neben einer schmalen Strasse. Die Strasse heisst "Tour des Roches" und ist ein beliebter Wanderweg für Touristen. Ueberall im Sumpf wächst Zyperngras (Cyperus papyrus), am Ufer des Bachs stehen unzählige Taropflanzen (Colocasia esculenta) sowie gelb und rot leuchtende Cannas. Oberhalb dieser Feuchtgebietspflanzen gedeihen Büsche und Bäume mit tief hängenden Aesten. Dieser erste Vegetationstyp erstreckt sich über eine Länge von ungefähr einem Kilometer und liegt - von St-Paul aus gesehen - etwa in der hinteren Mitte des Sumpfes. Die Einheimischen benützen das Wasser des Bachlaufs zum Waschen der Autos und der Wäsche und sie baden sogar darin.
Vegetationstyp 2
Den nächsten Vegetationstyp bilden die epiphytischen Blattkakteen. Nördlich und südlich des Vegetationstyps 1 wachsen diese Blattkakteen an Bäumen und Büschen empor. Die Blattkakteen bilden so bis zu vier Meter hohe "Wände", die wie natürlich gewachsene Zäune wirken. Diese Kakteenzäune erstrecken sich über eine Länge von je etwa 100 Metern entlang der Strasse und sind bis zu 2 Meter dick.
Vegetationstyp 3
Der dritte Vegetationstyp besteht aus Bäumen und Büschen und schliesst die Kateenwände ein. Die Büsche wie auch die Bäume wachsen an einigen Stellen dicht ineinander. Zwischen diesen Dickichten gibt es aber auch einzelne Bäume und Büsche, die von Gras- und Blumenwiesen umwachsen sind.

Vorkommen des Pantherchamäleons in den verschiedenen Vegetationstypen
Auf den Taropflanzen und in deren näheren Umgebung im Vegetationstyp 1 fanden wir halbwüchsige und ausgewachsene Tiere sowie alle dazwischenliegenden Altersstufen. Früh morgens und gegen Abend beobachteten wir die Tiere beim Sonnenbaden. Dabei konnten wir einen wichtigen Unterschied zwischen den Morgen- und den Abendstunden feststellen: Am Morgen brauchen die Tiere die Sonne, um sich nach der "kühlen" Nacht aufzuwärmen und die Körperfunktionen zu aktivieren. Damit sie das Licht besser aufnehmen können, färben sich die Tiere dunkel (kleinere Reflexion). In den Abendstunden stellen sie sich aber in den leuchtendsten Farben zur Schau. Sogar Laien entdecken die in der Abenddämmerung schillernden Chamäleons.
In den späteren Morgenstunden, wenn die Sonneneinstrahlung immer stärker wird und das Quecksilber in die Höhe treibt, weichen die Tiere in den unteren Bereich im Schatten der grossen Taropflanzen aus. Der Bachlauf unterhalb der Taropflanzen zieht Unmengen von Insekten an, die sich für die Chamäleons bestens als Futtertiere eignen. Auch grosse Brocken wie Falter und Heuschrecken sind reichlich vorhanden. Die Wasserversorgung ist durch den Bach ebenfalls gesichert. Wasserspritzer lassen sich einfach von den Pflanzen lecken und bei grossem Durst tauchen die Tiere die Zunge direkt ins Nass.
In den Kaktuszäunen (Vegetationstyp 2) entdeckten wir im Herbst sehr kleine Tiere, die nur einige Wochen alt waren. Ueber die Weihnachtstage erblickten wir in denselben Kaktuszäunen nur halbwüchsige Tiere, die ungefähr drei bis vier Monate alt sein mussten. Sie finden in diesem Kakteendschungel optimale Lebensbedingungen. Am Morgen bildet sich genügend Tau, dass sie die Tropfen ohne grössere Anstrengung ablecken können. Das Futterangebot ist ausreichend, da der dichte Zaun ein gutes Versteck für unzählige kleine Insekten ist. Für die Chamäleons bieten die Kaktuszäune ein geeignetes Versteck vor Feinden und optimalen Schutz vor der Sonne. Wir fanden in den dichten Kaktuswänden keine ausgewachsenen Tiere. Folgende Gründe könnten aus unserer Sicht dafür verantwortlich sein: Wegen der beachtlichen Masse der ausgewachsenen Tiere (Gesamtkörperlänge Männchen über 50 cm!) wären sie nicht in der Lage, bei drohender Gefahr in den dichten Kaktuszaun zu flüchten. Die Schattenplätze sind somit ebenfalls nicht erreichbar. Weiter ist das Futterangebot wohl nicht ausreichend, da sich meistens nur kleine Insekten hier aufhalten, was den erwachsenen Tieren sicher nicht immer zusagen würde.
In den Bäumen und Büschen (Vegetationstyp 3) fanden wir sämtliche Altersstufen. Im Geäst findet jedes Tier seine optimalen Lebensbedingungen in Bezug auf Futterangebot, Fluchtmöglichkeit und Schatten: Hier finden die Kleinen wie auch die Grossen ihre richtige Futtergrösse, flüchten können sie in alle Richtungen, sofern dies überhaupt nötig ist. Denn in diesem dichten Laubgewirr sind sie für uns wie auch für die natürlichen Feinde - vor allem Raubvögel - fast nicht zu entdecken. Um sich ein Sonnenbad zu gönnen, klettern sie auf den höchsten Punkt der Pflanzen und sind vom Boden aus nicht mehr sichtbar. Wenn sie genug Sonne getankt haben und den Schatten suchen, verkriechen sie sich ins Innere des Astgewirrs und sind überhaupt nicht mehr sichtbar. 

Paarungszeit
Die Paarungen finden nach unseren Beobachtungen in der Regel über die Weihnachtstage statt. Im Dezember beginnt auf La Réunion der Sommer. Die Sonneneinstrahlung wird stärker und regt die Tiere zur Paarung an. Man erkennt die Paarungsbereitschaft in der Natur anhand zweier Merkmale: Das erste Merkmal ist die Färbung. Die weiblichen Tiere sind knallorange und stechen aus dem satten Grün der Pflanzen richtiggehend heraus. Die männlichen Tiere färben sich derart grell Grün, dass sie sich ebenfalls deutlich von den grünen Pflanzen unterscheiden lassen. Das zweite Merkmal ist der Aufenthaltsort der weiblichen und der männlichen Tiere. Während der Paarungszeit befinden sich beide Geschlechter in Bodennähe, das heisst bis maximal 2 Meter über dem Boden. In der restlichen Zeit ist eine deutliche Höhentrennung auszumachen. Die männlichen Tiere sind dann hoch oben in den Baumwipfeln (in mehr als 5 Metern Höhe) anzutreffen und die weiblichen Tiere stets deutlich tiefer in den Büschen. Dadurch ist das aggressive Verhalten, wie es in Nachzuchtberichten erwähnt wird, in der Natur fast ausgeschlossen und durch die Höhentrennung gut geregelt.
Nach einem guten Monat Tragzeit erfolgt die Eiablage. In der Regel passiert das in den Monaten Januar und Februar. Während der Tragzeit weisen die weiblichen Tiere eine spezielle Färbung auf. Sie haben an den Rumpfseiten schwache schwarze Kreise und über den Rückenkamm schwarze Linien. Die männlichen Tiere färben sich dezent grün und wirken somit fast blass.
Von der Eiablage bis zum Ausschlüpfen der Jungtiere dauert es ungefähr 220 Tage. Ab Dezember steigen die Temperaturen, was der Eireifung zugute kommt. Im August/September, wenn die Temperaturen wieder etwas absinken, ist die Eizeitigung abgeschlossen und die Chamäleonbabys schlüpfen aus. Dieser zeitliche Ablauf stimmt mit unseren Beobachtungen in den beiden Jahreszeiten, in denen wir La Réunion besucht haben, ungefähr überein. Als wir uns im Herbst (Oktober) auf La Réunion befanden, erblickten wir sehr viele Jungtiere, die nur einige Wochen alt zu sein schienen. Ueber die Weihnachtstage entdeckten wir nur halbwüchsige (2-3 Monate alt) und ausgewachsene Tiere (ca. 14 Monate alt oder älter). Zu beachten gilt, dass die Paarungszeit an Weihnachten 1992/93 bereits vorbei war, und an Weihnachten 1997/98 noch voll im Gang zu sein schien. Nach unseren Beobachtungen wagen wir zu behaupten, dass in der Natur nur einmal pro Jahr Eier abgelegt werden. Ansonsten hätten wir zusätzlich im Herbst halbwüchsige und über die Weihnachtstage junge Tiere finden müssen.
    
Verhalten
Wir waren sehr erstaunt über das langsame Fluchtverhalten der Pantherchamäleons. Bis wir ein Chamäleon ausgemacht hatten, beobachtete es uns sicher bereits längere Zeit mit seinen ausgesprochen flinken Augen. Aber die Tiere machten überhaupt keine Anstalten, die Flucht zu ergreifen. Vielleicht wussten sie, dass ihnen die Menschen nichts anhaben wollen oder sie vertrauten voll auf ihre perfekte Tarnung durch die farbliche Abstimmung auf die Umgebung. Wenn wir uns näherten, mussten wir auf weniger als einen Meter Distanz gehen, bis sie sich langsam in Bewegung setzten. Fühlten sie sich ernsthaft bedroht, so rissen sie das Maul auf und fauchten uns an. Wohl in der Hoffnung, uns so einschüchtern zu können. Wenn sie mit dieser Methode erfolglos blieben, liessen sie sich einfach zu Boden fallen. Es spielte ihnen keine Rolle, aus welcher Höhe sie sich stürzten und wohin. Landeten sie zum Beispiel im Wasser, so pumpten sie sich ballonartig mit Luft auf, so dass sie sich ohne Schwimmbewegungen auf dem Wasser bis zum nächsten rettenden Ast treiben lassen konnten.  
Nach unseren Beobachtungen brauchen die Pantherchamäleons auf La Réunion sehr viel Sonnenlicht. Im Sumpfgebiet scheint die Sonne nahezu jeden Tag. Die einzigen Unterbrüche stellen die kurzen, heftigen Regengüsse dar. Ein limitierender Faktor beim Sonnenbaden scheint die Temperatur zu sein. Ab ca. 10.00 Uhr vormittags werden Temperaturen von über 30 °C im Schatten erreicht. Entsprechend höher wird die Temperatur an der sonnenbestrahlten Seite der Kakteenwand und zwingt die Chamäleons ins schattige Dickicht. Nach kurzen Regengüssen, die an der Tagesordnung sind, und wenn die Sonne nicht mehr von den Wolken verdeckt ist, kriechen die Chamäleons wieder aus ihren Schattenlöchern und sonnen sich solange, bis ihre maximale Temperatur erreicht ist.
Wir hoffen sehr, dass die steigende Populationsdichte nicht plötzlich stagnieren wird. Durch die immer mehr und besser ausgebauten Wanderwege wie auch durch den Fahrradtourismus in allen Gegenden auf der gesamten Insel steigt die Anzahl der Touristen weiter an. Vielleicht ist das mit ein Grund, wieso sich das Pantherchamäleon in den letzten Jahren neue Plätze auf der Insel ausgesucht hat und sich langsam aber sicher als Kulturfolger etabliert. Auf jeden Fall ist es für uns immer wieder faszinierend, diese  Reptilien in freier Natur zu beobachten.
    

Abb. 1: Übersichtskarte von La Réunion. Roter Punkt: Manapany les Bains.

Abb. 2: Weibliches Tier bei Manapany les Bains auf einer Schraubenpalme.

Abb. 3: Kartenausschnitt von St-Paul mit der "Tour des Roches".

Abb. 4: Vegetationstyp 1. Darin versteckt sich, in der Bildmitte sichtbar, ein adultes männliches Tier. (siehe auch Abb. 7)

Abb. 5: Vegetationstyp 2. Darin ein optimal getarntes halbwüchsiges Chamäleon in der Bildmitte (siehe auch Abb. 8)

Abb. 6: Vegetationstyp 3, darin versteckt ein adultes männliches Tier in der Bildmitte.

Abb. 7: Adultes männliches Tier beim Sonnenbad in den letzten Sonnenstrahlen des Tages.

Abb. 8: Halbwüchsiges Tier im Kaktuszaun.

Abb. 9: Halbwüchsiges Pantherchamäleon auf einem Ast.

Abb. 10: Trächtiges Weibchen.

Abb. 11: Todeskandidat. Die Ursachen des Häutungsproblems in diesem Fall sind uns nicht bekannt.

Autoren:

Anita & Markus Grimm


Fotos:

© Markus Grimm


Januar 2003